Jill Meyer: „Wir haben keine Mannschaft, sondern eine Frauschaft“

Jill Meyer: „Wir haben keine Mannschaft, sondern eine Frauschaft“

Jill Meyer betreibt gemeinsam mit ihrem Ehemann Goof de Jong das Hotel Tiefenhagen im Sauerland. Im Interview mit kollex spricht sie über ihren Werdegang in der Hotellerie, warum sie sich in ihrem Beruf in einer Frauenwelt befindet und wo bei ihr die Grenze liegt in übergriffigem Verhalten seitens der Gäste.

Text: Katrin Börsch

Jill Meyer und Ehemann Goof de Jong

Jill Meyer und Ehemann Goof de Jong, Inhaber des Hotels Tiefenhagen (Copyright: Hotel Tiefenhagen)

kollex: Frau Meyer, wie hat es Sie in die Hotellerie verschlagen?
Jill Meyer:
Mein Ehemann Goof de Jong und ich kommen aus den Niederlanden. Ich wurde in die Gastronomie hineingeboren. Meine Familie hatte ein Strandrestaurant mit 400 Sitzplätzen, mein Opa hatte das damals gekauft und es war 35 Jahre lang in Familienhand. Damals wusste ich schon, die Gastronomie sollte mein Leben sein. Ich arbeitete also dort, bis ich auf die Hohe Hotelfachschule ging – auf die International Hotel School of Den Haag. Innerhalb der Ausbildung gab es zwei Praktika, eines in Schottland. Dort war ich für neun Monate Privat-Butler und habe sehr viel gelernt über Etikette. Als nächstes stand ein Management-Praktikum an. Das habe ich in Wien im Imperial und im Bristol Hotel gemacht und dort habe ich nochmal richtig viel gelernt. Ich muss sagen, dass die Standards in Deutschland und in Österreich wirklich am höchsten sind. Dann ging ich zurück in die Niederlande und erhielt mein Diplom.

Das Hotel Tiefenhangen im Sauerland von außen

Hotel Tiefenhagen im Sauerland (Copyright: Hotel Tiefenhagen)

Und als nächstes sind Sie dann richtig in die Gastronomie eingestiegen?
Als nächstes habe ich was ganz anderes gemacht. Da habe ich in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet und Karriere gemacht. Doch dann, ergab es sich, dass mein jetziger Ehemann erhebliche Knieprobleme hatte, denn er hatte in der Schifffahrt gearbeitet. Er hatte die Wahl, weiterzuarbeiten in der Schifffahrt und in zwei Jahren im Rollstuhl zu sitzen oder neue Knie zu bekommen und nie wieder in der Schifffahrt zu arbeiten. Und ich hatte den Traum, dass wir wieder zurück in die Gastronomie kommen. Zunächst wollten wir einen Campingplatz betreiben, denn wir sind beide passionierte Motorradfahrer und viel unterwegs. Doch dann dachten wir uns, was wünscht sich ein Motorradfahrer? Eine gute Dusche, ein gutes Bett und ein gutes Bier. Vielleicht ist es eine Lösung, dass wir nach einem Hotel gucken. Dann haben wir ein Hotel in der Eiffel gefunden, doch das hatte aufgrund der Flut, die kurz zuvor da war, große Schäden, also haben wir uns für Plan B entschieden. Und das war das Hotel Tiefenhagen im Sauerland. Wir haben das im Dezember 2021 gekauft. Das war ein laufender Betrieb, der dann mit unserer Übernahme nahtlos weiterging.

Sie betreiben das Hotel gemeinsam mit ihrem Ehemann Goof de Jong. Gibt es da eine Arbeitsaufteilung? Gibt es bestimmte Bereiche, für die nur Sie zuständig sind? 
Ja, Goof ist der Wirt und macht die Technik, er ist also Hausmeister und ich mache die Küche, die Administration und die Rezeption. Wir haben einen Riesen-Biergarten an das Restaurant angeschlossen und ich bin die Küchenchefin, die auch fürs Catering bei Feierlichkeiten zuständig ist. Ich bin halb indonesisch – Indonesien war damals eine Kolonie der Niederlande. Und so kommt es, dass auch asiatische Gerichte in der Karte stehen. Während meiner Ausbildung war ich zwar auch zwei Wochen lang in der Küche, aber das richtige Kochen habe ich von meiner Mutter und meiner Großmutter gelernt. In meiner Küche verarbeite ich lokale Produkte zu einfachen Gerichten.

Wie fühlt es sich an, als Frau eine leitende Funktion in einer Männerdomäne zu haben?
Es ist witzig, dass Sie das so sagen, denn in unserem Hotel ist es das genaue Gegenteil. Wir haben keine Mannschaft, sondern eine Frauschaft. Wir haben acht Damen, die hier arbeiten und die kellnern und das Housekeeping machen. Ich habe wirklich ein super Team und ich sage, ich habe kein Personal, sondern Kollegen. Das ist meine Einstellung als Chefin. Ich würde sagen, die tragen das Hotel. Natürlich sind auch männliche Bewerber willkommen, aber hier kam es irgendwie ganz natürlich dazu, dass hier nur Frauen arbeiten. Ich befinde mich also hier gar nicht in einer Männerwelt.

Bilder der Mitarbeiterinnen des Hotel Tiefenhagens

Frauschaft Team Hotel Tiefenhagen (Copyright: Hotel Tiefenhagen)

Kann es Ihrer Meinung nach auch Nachteile haben, als Frau in der Hotellerie zu arbeiten?
Manchmal merkt man, dass die Gäste lieber einen Wirt haben, als eine Wirtin. Ich kann mir vorstellen, dass diese Mentalität auch vom Dorf kommt, hier ist halt alles etwas konservativer. Oder manchmal nehmen gerade Leute, mit ausländischem Hintergrund es nicht an, wenn ich als Frau zum Beispiel sage, dass auf den Zimmern nicht geraucht werden darf. Dann frage ich meinen Ehemann, ob er das für mich lösen kann.

Haben Sie selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht?
Wenn Gäste ein Bier zu viel getrunken haben, dann sagen sie manchmal respektlose Dinge. Jemand hat zum Beispiel meiner Kellnerin gesagt: „Hey Blondie, ich hätte gerne ein Bier“. Ich persönlich finde das noch nicht schlimm. Wir arbeiten in der Gastronomie und wir können sowas akzeptieren bis zu einer gewissen Grenze.

Wo liegt die Grenze bei Ihnen?
Sobald ein Mann eine Dame anfasst, ist es vorbei bei mir. Da ist die Grenze. Unsere Mädels sind heilig und deren Körper auch. Der Kunde ist König, aber die Kellnerin ist Kaiser – so sagen wir das hier immer.

Würden Sie sagen, dass es auch Vorteile hat, in Ihrer Position eine Frau zu sein?
In einigen Hinsichten ja. Hat ein Gast zu viel getrunken und trifft auf einen männlichen Wirt, dann merkt man, dass da eine ganz andere Dynamik herrscht, als bei einer weiblichen Wirtin. Die Wirtin kann ganz anders vermitteln, als der Mann das kann. Sie kann da viel mehr Ruhe reinbringen.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?
Wir haben leider immer noch zu wenige Leute im Team. Ich würde mir wünschen, dass wir jemanden finden, der wirklich auch etwas Verantwortung übernehmen kann, dass wir auch mal die Füße hochlegen können.

 

Über kollex

kollex hat sich zum Ziel gesetzt, Gastronom:innen und Lieferanten auf digitalem Weg miteinander zu vernetzen, um Bestellungen in Zukunft einfacher und effizienter abwickeln zu können. Als führende Bestellplattform für Gastronomie und Großhandel ermöglicht kollex so die Digitalisierung einer Branche, die wie keine andere gesellschaftliches Miteinander prägt und aus einem Flecken Erde Orte der Begegnung schafft. So profitieren auch kleine und mittlere Unternehmen von der Digitalisierung – durch Zeitersparnis, Planbarkeit und effiziente Lieferungen. Damit auch im Zeitalter der Globalisierung ein breit gefächertes Angebot vom Publikumsliebling bis zum Geheimtipp erhalten bleibt. Das Berliner Tech-Start-up konnte seit dem Launch im Sommer 2019 bereits über 200 Getränkefachgroßhändler anbinden und mehr als 20.000 Nutzer:innen für die Bestellung via mobile App oder Webshop gewinnen. 

kollex ist ein Joint Venture der Bitburger Braugruppe GmbH, der CHEFS CULINAR GmbH & Co. KG, der Coca-Cola Europacific Partners Deutschland GmbH, der Krombacher Brauerei Bernhard Schadeberg GmbH & Co. KG und der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH.

Anzeige